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Liebe Leserinnen und Leser

Mein Name ist Riccarda, ich bin Psychologiestudentin und verfasse Rezensionen für Desideria Care. Diese ehrenamtliche Arbeit macht mir nicht nur viel Spaß, sondern ist mir auch ein persönliches Anliegen. Ich bin in Bad Tölz aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach meinem Abschluss im Jahr 2017 zog es mich in die Welt, ich arbeitete als Au-Pair in Frankreich, Italien und in den USA. Ein Jahr später begann ich ein Studium im Fach Tourismusmanagement in Heilbronn. Zu dieser Zeit begegnete mir die Erkrankung Demenz das erste Mal. Die Demenz-Diagnose meines Großvaters war ein großer Schock für meine Familie. Nun sind zwei Jahre vergangen, ich habe das Studium gewechselt zu Psychologie und meine Oma pflegt meinen erkrankten Großvater bis heute selbstständig. Man merkt, wie sie jeden Tag mehr an ihre Grenzen kommt.

 

Da ich aufgrund der räumlichen Distanz nicht physisch für sie da sein kann, bietet mir meine ehrenamtliche Arbeit bei Desidera Care die Möglichkeit meine Oma besser psychisch unterstützen zu können.
Seit ich mich mit dem Thema Demenz näher beschäftige, merke ich, wie viele meiner Freunde schon selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben. Daher freue ich mich, mit meinen Rezensionen einen kleinen Teil zur Aufklärung der Krankheit beitragen zu dürfen und vielleicht den Ein oder Anderen zum Lesen inspirieren kann.

Meine neueste Empfehlung

Mitgefühl – Pflege neu denken

Louise Detlefsen, 2021, 94 Minuten

Der Dokumentarfilm „Mitgefühl – Pflege neu denken“ zeigt den Pflegealltag im dänischen Altenheim Dagmarsminde. Die Gründerin May Bjerre Eiby entschied sich, aufgrund der Demenzerkrankung ihres Vaters und dessen schlechter Betreuung im Pflegeheim ihr eigenes Altenheim zu eröffnen. Das Prinzip beruht auf Mitgefühl und einem respektvollen Umgang mit den Bewohnern. Der Film zeigt das Leben verschiedener Senioren in dem Heim sowie ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und deren Betreuung seitens der Pflegekräfte. 

„Mitgefühl – Pflege neu denken“ hat mich von der ersten Minute an berührt. Die Arbeit und das Mitgefühl der Pflegekräfte sind wirklich beeindruckend. Das Pflegeheim folgt einem neuen und innovativen Weg im Umgang mit Demenzpatienten. Der Film gab mir Hoffnung, dass es möglich ist, in Würde auch in einem Pflegeheim zu altern. 
Ich kann den Dokumentarfilm überaus empfehlen. Er bewegt den Zuschauer zu neuen Denkansätzen. Als junges Mädchen hatte ich jeher eher ein negatives Bild von einem Pflegeheim, der Film hat mir gezeigt, dass ein Pflegeheim auch ein lebenswerter Ort sein kann. Der „Film Mitgefühl – Pflege neu denken“ ist ab Ende September kostenfrei in der ZDF-Mediathek verfügbar. 

Wir glauben an Mitgefühl als Behandlungsmethode

„Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ 

Susanne Abel, 2021, dtv Verlag, 528 Seiten

Der Roman „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ handelt von dem populären Nachrichtenmoderator Tom Monderath und seiner 84-jährigen Mutter Greta. Diese leidet an Demenz und vergisst nach und nach immer mehr. Ihr Sohn kümmert sich um seine Mutter und erfährt auf diese Weise immer mehr Details von ihrer Kindheit in Ostpreußen und der Nachkriegszeit. Er findet heraus, dass Greta nach dem Krieg eine Liebesgeschichte mit einem dunkelhäutigen GI hatte und stellt weitere Nachforschungen über seine eigene Familiengeschichte an. 
 

Das Buch ist in zwei Zeitebenen und Perspektiven geschrieben. Das macht es sehr lebendig und spannend zum Lesen. Die Autorin verbindet zum einen historische Fakten mit fesselnden fiktiven Persönlichkeiten und zum anderen viele unterschiedliche Themen miteinander. Dabei wird die Krankheit Demenz zwar aufgegriffen, jedoch spielen die Geschichten der Protagonisten eine größere Rolle. Im Laufe der Geschichte konnte ich sowohl für Greta als auch für ihren anfangs eher kühl wirkenden Sohn große Sympathie entwickeln. Ein spannender und zeitgeschichtlich interessanter Roman, welchen ich sehr gerne weiterempfehle.

Sie muss ihre Gedanken festhalten, die sonst verschwinden.

Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben

Oskar Seyfert, 64 Seiten, Westend

„Hallo, mein Name ist Oskar, ich bin 15 Jahre alt. Als ich elf Jahre alt war, hat mein Vater Alzheimer bekommen.“ So beginnt das Buch, das Oskar Seyfert über seinen Vater geschrieben hat. Der Vater ist Arzt und steht mit seinen 54 Jahren voll im Leben. Für Oskar und seine Familie (Mutter, ein Bruder, eine Schwester, zwei Halbbrüder aus einer früheren Beziehung des Vaters) bricht eine Welt zusammen, als der Vater die Diagnose Demenz erhält. Die Krankheit des Vaters schweißt die Familie extrem zusammen. Im Laufe von vier Jahren, über die der Autor in seinem Buch schreibt, verschlechtert sich der Zustand des Vaters zusehends. Der Vater muss seinen Beruf als Arzt aufgeben; er macht logische Denkfehler; er wird leiser und zieht sich immer mehr zurück. Aber er entdeckt ein (neues) Hobby - er beginnt zu schnitzen - "Stockkunst". 

Das Buch ist ein authentischer Bericht über die Liebe eines Sohnes zu seinem Vater und schildert eindrücklich die Perspektive eines jungen Menschen im Umgang mit einem Schicksalsschlag, mit dem er selbst erstmal lernen muss umzugehen. Ein schmales, dabei sehr berührendes Buch über eine Familie, die an der fortschreitenden Krankheit des Vaters nicht zerbricht, sondern nur noch stärker wird. Ich fand besonders die jugendliche Sprache ansprechend. Es war extrem spannend, das Leben mit Demenz aus der Perspektive eines jungen Menschen dargestellt zu bekommen. Ich lege Euch das Buch sehr ans Herz. 

Er lacht aber auch deshalb so viel weniger, weil er wenig Grund hat zu lachen. Er versteht mittlerweile die wenigsten Witze, da er, während sie erzählt werden, vergisst zu zuhören. Oder er vergisst, wie der Witz angefangen hat.

Supernova

Harry Macqueen, 2020, 95 Minuten

Der Film Supernova erzählt die Geschichte des Liebespaars Toskar und Sam. Nach der Demenzdiagnose von Toskar möchten die beiden noch einen letzten Urlaub in ihrem Wohnmobil erleben. Doch während ihrer Fahrt durch England merkt Sam immer mehr wie weit die Krankheit von Toskar schon fortgeschritten ist. Dieser versucht bis zum Schluss zu verstecken, dass er in vielen Momenten bereits seine Orientierung verloren hat.

 

Der Film hat mich emotional sehr berührt. Die beiden Hauptdarsteller Colin Firth und Stanley Tucci spielen die Rollen fabelhaft. „Supernova“ besticht durch die ruhigen Dialogen und den wundervollen Landschaftsaufnahmen. Gerade als Angehörige konnte ich viele Szenen sehr gut nachempfinden. Besonders das Ende hat mich zu Tränen gerührt.
Das Drama kann ich sehr empfehlen, da es eine Liebesgeschichte, die Tragik einer Demenz und wunderschöne Landschaftsaufnahmen miteinander verbindet, gekrönt von einer hervorragenden schauspielerischen Leistung.

Ich will in Erinnerung bleiben als der Mensch, der ich war und nicht als der, zu dem ich werde.

Raus aus der Demenz-Falle!

Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren

Gerald Hüther, 128 Seiten, Goldmann Verlag

In dem Buch „Raus aus der Demenz – Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren“ beschreibt der Hirnforscher Gerald Hüther seine These, dass Demenz nicht durch altersbedingte Abbauprozesse und Ablagerungen im Gehirn verursacht wird, sondern durch die Unterdrückung der Regenerations- und Kompensationsfähigkeit des Gehirns, die normalerweise bis ins hohe Alter vorhanden ist.

Ich fand es großartig, ein Buch zu lesen, welches die Prävention einer Demenz thematisiert. Gerald Hüther schafft es, komplexe Inhalte auf eine verständliche Weise zu erläutern. Jedoch würde ich das Buch eher Personen empfehlen, die sich nicht in belastenden Pflegesituationen mit ihren Angehörigen befinden, sondern sich im Voraus über die Prävention einer Demenz informieren möchten. Zusammengefasst ist das Buch sehr kurzweilig und vermittelt viel Wissen über die Funktionalität unseres Gehirns.

Wir können nur versuchen, besser zu verstehen, worauf es für ein sinnerfülltes Leben ankommt, und unser künftiges Zusammenleben dann auch dementsprechend gestalten.

Wie meine Großmutter ihr ICH verlor

Sarah Straub, 256 Seiten, Kösel Verlag


In dem Ratgeber “Wie meine Großmutter ihr Ich verlor“ erzählt die promovierte Psychologin und Sängerin Dr. Sarah Straub von der Demenzerkrankung ihrer Großmutter. Die Krankheitsgeschichte dient dabei als Leitfaden ihres Buches. Darin erläutert die Autorin Themen wie die verschiedenen Klassifikationen einer Demenz, verschiedene Therapiemöglichkeiten, die Aufnahme in ein Pflegheim bis hin zu den Herausforderungen im Alltag – aus einer fachlichen und gleichzeitig sehr nahbaren Sicht. 
 

Schon auf den ersten Seiten war ich unglaublich begeistert von dem Buch. Sarah Straub schafft es, durch ihren Schreibstil, komplizierte Inhalte sehr nachvollziehbar darzulegen. Das Buch beinhaltet sowohl ihre eigene Geschichte mit ihrer Großmutter und damit auch ihre eigenen Emotionen als auch viele wissenschaftliche Informationen untermalt von vielen Beispielen aus der Praxis. Das Inhaltsverzeichnis ermöglicht es, zu persönlichen wichtigen Kapiteln zu springen. Das Buch kann ich sowohl pflegenden Angehörigen als auch anderen Interessierten sehr empfehlen. Als Angehörige habe ich viel über die Erkrankung lernen können und habe mich dabei sehr verstanden gefühlt. 

 
Ich kann mich nur dem Vorwort Konstantin Weckers anschließen, welcher schreibt: „Dieses großartige Buch wird dazu beitragen, die Herzen der Menschen zu öffnen für eine Krankheit, die so unermesslich viel Leid mit sich bringen kann.“ 

Für den Moment jedoch müssen wir damit leben, die Erkrankten auf ihren Weg nur begleiten zu können – so mitfühlend und wertschätzend wie möglich, ohne uns dabei zu verlieren.

S. 59

Der vergessliche Riese

David Wagner, 272 Seiten, Rowohlt Verlag

 

David Wagner erzählt in seinem Buch „Der vergessliche Riese“ die Geschichte eines an Demenz erkrankten Vaters und seiner Kindern. Der Vater lebt zu Beginn mit 24-Stunden Pflege zu Hause bis er so vergesslich ist, dass er in einem Heim gepflegt wird. Die neun Kapitel schildern die Gespräche zwischen Vater und Sohn, die zeigen, dass die Erkrankung weiter voranschreitet. Das Buch beschreibt dabei sehr detailliert, wie sich die Anzeichen der Krankheit verschlimmern und welche Auswirkungen die Vergesslichkeit auf die Angehörigen nimmt. Seine Kinder versuchen immer wieder durch Geschichten aus seinem Leben, Erinnerungen zu wecken. 

Im Laufe des Romans habe ich schnell eine Beziehung zu dem sehr sympathischen und humorvollen Vater aufgebaut. Auch die bildliche Beschreibung der Umgebung erleichtert den Lesefluss. Während des ganzen Buches ist die Wertschätzung, die Geduld und die Liebe zwischen Vater und Sohn spürbar. Besonders hat mir gefallen, dass die Vergesslichkeit thematisiert wird, jedoch nicht die Demenz an sich. Der Vater wird nicht auf seine Krankheit reduziert, sondern bleibt auf seine Weise liebenswert und eigen. 

Auf einmal habe ich das Bedürfnis, ihn an die Hand zu nehmen, so wie ich früher Martha an die Hand genommen habe – bis die das eines Tages nicht mehr wollte.

S. 259

Es ist die Krankheit, die anstrengend ist, sie ist wirklich anstrengend, aber nicht mein Mann.

Nur das Heute zählt – Familienleben mit Demenz

2019, Dokumentation, 28 Minuten 

Die Dokumentation ,,Nur das Heute zählt – Familienleben mit Demenz” ist Teil der Reihe „37 Grad” des ZDF. Der Film begleitet über ein halbes Jahr drei Demenz-Patienten und deren Familien. Zum einen wird die Geschichte von Christa erzählt, die mit gerade mal 60 Jahren an Alzheimer erkrankte. Ihr Ehemann kümmert sich mit all seiner Energie um sie. Sie unternehmen zusammen Ausflüge und versuchen, den Moment zu genießen. Zum anderen werden Andrea und Jo begleitet. Bei Jo wurde bereits im Alter von 50 Jahren Alzheimer diagnostiziert. Andrea kümmert sich sehr liebevoll um ihren Mann. Doch auch sie spürt immer mehr, wie sehr sie die Pflege beansprucht. Zuletzt werden Peter und seine Frau Jenny gezeigt. Um das Pflegeheim von Jenny zahlen zu können, muss Peter auch noch im Alter von 70 Jahren als selbstständiger Bauingenieur arbeiten. Dennoch versucht er, seine Frau – so oft es ihm möglich ist – im Heim zu besuchen.  

Die Dokumentation hat mir sehr gut gefallen, da ich tiefe Einblicke in verschiedene Familiengeschichten gewinnen konnte. Bei allen drei pflegenden Partnern war die Liebe zu ihrem Ehegatten oder -gattin jederzeit spürbar. Die Krankheit wird für alle alltagsbestimmend. Ich finde, die 28 Minuten wirklich sehr sehenswert, da sie ein realistisches und reflektiertes Bild der Erkrankung und ihrer Pflege widerspiegeln. Es wird gezeigt, wie anstrengend und beanspruchend die Betreuung sein kann. Die Dokumentation ist noch bis zum 3. Dezember 2022 in der ZDF-Mediathek kostenfrei verfügbar.

Die vergessene Heimat

Deana Zinßmeister, 448 Seiten, Goldmann Verlag

 

Der autobiografische Roman ,,Die vergessene Heimat” erzählt die Familiengeschichte der Autorin Deana Zinßmeister. Ihre Eltern sind im Jahr 1961 mit einem Teil ihrer Familie aus der damaligen DDR in die Bundesrepublik Deutschland geflohen. Als ihr Vater an Demenz erkrankt, verschwindet er immer mehr in seiner eigenen Welt. Er schmiedet Fluchtpläne und fühlt sich von der Stasi verfolgt. Seine Kinder erfahren durch seine Krankheit immer mehr dramatische Details der Flucht. Die Autorin beschreibt zum Einen die Grenzüberquerung aus der Sicht ihrer Mutter und zum Anderen die Erkrankung ihres Vaters aus ihrer eigenen Perspektive.  

Das Buch hat mich wirklich begeistert. Deana Zinßmeister schafft es, die Flucht mit viel Spannung aufzubauen. Ich konnte mich schnell in die Ängste und Sorgen ihrer Mutter einfühlen. Auch die Hilflosigkeit und Herausforderungen als Angehöriger wurden von ihr sehr transparent dargestellt. Viele Situationen, die sie mit ihrem Vater beschreibt, habe ich schon selbst miterlebt. Dieser Wechsel der Geschichten macht das Buch sehr spannend und abwechslungsreich. 

Letztlich kann ich das Buch sowohl für Angehörige als auch für nicht Betroffene empfehlen. Mir hat sehr gefallen, dass das Buch sowohl die Krankheit als auch historische Aspekte beschreibt.

 Es heißt, Demenz ist Sterben auf Raten, und die Angehörigen sterben mit. Zeitweise fühlt es sich tatsächlich so an. Aber wir haben überlebt - auch als Familie! 

Die vergessene Heimat, 2020

Wer genau bin ich eigentlich?

The Father, 2020

The Father

2020, Drama, 98 Minuten 

"The Father" zeigt die Verfilmung des Theaterstücks Le Père. Man wird während des Films mitgenommen in die Welt von Anne - gespielt von der Oscar Preisträgerin Olivia Colman - und ihrem Vater Anthony - dargestellt durch den Schauspieler Anthony Hopkins. Die Verfilmung zeigt die Entwicklung der Demenz des Vaters Anthony von der Pflege Zuhause bis zur Aufnahme in ein Altersheim. Dabei wird die Geschichte aus der Perspektive des Dementen erzählt, was oft zu Unschlüssigkeiten führt. Der gesamte Film spielt sich dabei allein in einer Wohnung ab. Anthony sieht sich im Laufe der Geschichte vor allem mit dem Problem konfrontiert, dass seine Tochter Anne wegen einer neuen Liebe nach Paris ziehen möchte und ihn daher alleine in London zurück lassen muss.

Die Verfilmung wird maßgeblich von Olivia Colman und besonders von Anthony Hopkins getragen. Die schauspielerische Leistung der beiden Darsteller ist wirklich brilliant. Sie schaffen es einen sehr ehrliches Bild der Krankheit Demenz sowohl aus Sicht eines Erkrankten als auch eines angehörigen Pflegenden zu schaffen. Tatsächlich habe ich nach dem Film viele Aussagen und Emotionen meines Opas das erste Mal richtig verstanden. Man bekommt einen Eindruck davon, wie schlimm es sein muss, keinen Menschen mehr trauen zu können. Die fabelhafte Musik unterstreicht dabei die Dramatik und Schwere der Szenen. 

Die Handlung erzählt für mich keine richtige Geschichte sondern will vielmehr einen Einblick in die Krankheit gewähren. Ich habe im Verlauf der Erzählung festgestellt, dass es nicht darum geht herauszufinden, was Realität ist und was nicht sondern vielmehr ein Verständnis für den Protagonisten Anthony zu entwickeln. Daher würde ich den Film denjenigen empfehlen, die einen neue Sichtweise aus der Perspektive eines Erkrankten entwickeln möchten. 

Mamas Alzheimer und wir

Peggy Elfmann, 205 Seiten, Mabuse-Verlag

In dem Buch ,,Mamas Alzheimer und wir" erzählt die Autorin Peggy Elfmann ihre Geschichte nach der Alzheimer-Diagnose ihrer Mutter. Die Autorin schreibt dabei aus der Ich-Perspektive mit welchen Emotionen sie im Verlauf der Krankheit kämpfen musste. Auf ihre Erlebnisse folgen praktische Tipps und Erklärungen aus Expertensicht, die jedes Kapitel abschließen.

Das Buch hat mir gut gefallen. Peggy Elfmann berichtet sehr ehrlich, wie es ihr nach der Diagnose ihrer Mutter erging. Dabei gesteht sie sich auch viele Fehler und Schwächen ein. Besonders die Mischung aus Ratgeber, professionellen Tipps und den Briefen an ihre Mama, die jedes Kapitel einleiten, machen das Buch sehr lesenswert. Ich denke, dass sich durch die ehrlichen Gedanken und Erlebnisse viele Angehörige verstanden fühlen. 
Zuletzt ist ,,Mamas Alzheimer und wir" für mich aufgrund der Nahbarkeit in Kombination mit dem fachlichen Wissen definitiv zu empfehlen. 

Lebe zweimal, liebe einmal

Das Drama “Lebe zweimal, liebe einmal” ist eine Eigenproduktion des Streaminganbieters Netflix. Der Film erzählt die Geschichte des brillanten Mathematik-Professors Emilio, der an Alzheimer erkrankt. Der Professor versinkt immer mehr in seiner Welt - bis er eines Tages auf die Idee kommt, seine Jugendliebe Margaretha zu suchen. Zusammen mit seiner pubertierenden Enkelin Blanca begibt er sich auf die Suche. Jedoch kommen sie nicht weit, da die Krankheit schon weiter vorangeschritten ist als gedacht. Doch hält Emilio daran fest, seine große Liebe noch mal sehen zu wollen, bevor er sie vielleicht für immer vergisst.  

Die Tragikomödie hat sowohl Höhen als auch Tiefen. An manchen Stellen ist die Geschichte etwas unrealistisch und etwas zu kitschig. Zudem fehlte mir manchmal die nötige Ernsthaftigkeit, die das Thema Demenz mit sich bringen sollte.  

Trotzdem haben mich vereinzelte Stellen sehr berührt: zum Beispiel als Emilio seine Tochter Julia im Altenheim das erste Mal in den Arm nimmt oder ihre Verzweiflung als sie bemerkt, wie ihr Vater ihr entgleitet. Besonders gefallen hat mir die Opa-Enkelin-Beziehung zwischen Emilio und Blanca. Ihnen bietet die Erkrankung erstmal eine Chance, näher zusammen zu finden und eine Brücke zwischen den verschiedenen Generationen zu bauen.  

Insgesamt gibt der Film einen guten Einblick in die Krankheit Demenz und bietet zudem Momente zum Lachen, Familiendrama sowie eine wunderschöne Kulisse. Ich denke, dass vor allem jüngeren Menschen der Film sehr gefallen wird und ihnen einen Zugang zu der Krankheit schafft.  

Und morgen treffen wir uns gestern

Dr. med. Carsten Lekutat, 180 Seiten, Becker Joest Volk Verlag

In dem Buch "Und morgen treffen wir uns gestern" erzählt Dr. Carsten Lekutat die Geschichte des Jazz-Musikers Fisch, der im Alter von 54 Jahren an Early-Onset Alzheimer erkrankt. Aufgrund seiner Diagnose empfiehlt ihm sein Arzt eine Psychotherapie, um sein Schicksal besser annehmen zu können. Durch die Behandlung trifft er auf die junge Medizinstudentin Anna und ihren Professor Norbert Luck. Anlässlich des Wunsches von Fisch noch einmal seine große Liebe Sophie zu sehen, begleitet ihn Anna nach Rom. Nach einigen Vorfällen wird der Studentin und ihrem Professor bewusst, dass Fisch schon viel mehr in seiner eigenen Realität lebt als sie angenommen haben.

Schon ab den ersten Seiten hat mich das Buch begeistert. Durch die wechselnden Perspektiven kann man sich sowohl in den Erkrankten Fisch als auch in die Studentin Anna sehr gut hineinversetzen. Dabei wird mit Humor aber auch mit der nötigen Dramatik, der Krankheitsverlauf einer Demenz geschildert. Besonders gefallen hat mir die wissenschaftliche Einordnung am Ende des Buches. Dem Autor war bewusst, dass er mit einem positiven Buch zum Thema Demenz auf viel Unverständnis treffen wird. Gewiss wird die Krankheit an manchen Stellen beschönigt, dennoch bietet das Buch einen neuen, wertvollen Blickwinkel: Der Gedanke "take care of the caregivers" sollte bei der Behandlung einer Demenz auch in Deutschland eine größere Rolle spielen.

 Sie behandelte die Seele anderer mit der Kraft ihrer eigenen Seele. Sie hatte kein Skalpell zur Verfügung, sondern nur Worte. 

Und morgen treffen wir uns gestern, 2017

Elizabeth wird vermisst

2014, Hörbuch, 7h20 min

Das Hörbuch „Elizabeth wird vermisst“ erzählt die Geschichte von Maud,  die über 80 Jahre alt ist und an Alzheimer Demenz erkrankt ist. Indem sie ihre eigenen Gedanken schildert, erzählt die Protagonistin von ihrem Alltag, in welchem Vergangenheit und Gegenwart immer mehr miteinander verschmelzen.

Die Geschichte wechselt dabei immer wieder zwischen Rückblicken in ihre Jugend und ihrem jetzigen Ich. Die Rückblenden beschreiben das Verschwinden von Mauds älteren Schwester Sukey nach Kriegsende. In der Gegenwart ersetzen zunehmend Zettel ihr Gedächtnis. Als Maud einen dieser Zettel mit  der Aufschrift "Elizabeth wird vermisst" findet,  sucht sie jeden Tag ihre langjährige Freundin Elizabeth. Dabei, stößt sie jedoch auf wenig Verständnis und Hilfe bei ihrer Familie. Im Laufe des Buches werden die Zusammenhänge zwischen dem Verschwinden ihrer Schwester und ihrer verzweifelten Suche nach Elizabeth aufgezeigt.

Ich habe das Gefühl, als würde ich mich von innen heraus auflösen.

Elizabeth wird vermisst, 2014

Durch die persönliche Perspektive von Maud wird die Geschichte sehr bildhaft beschrieben. Daher konnte ich mich sehr gut in ihre Angst, Hilflosigkeit und Verwirrtheit hineinfühlen und ein besseres Verständnis für die Krankheit entwickeln. Auch die Darstellung der Beziehung zu ihrer Tochter Helen fand ich sehr passend. Man merkt, dass sich Helen sehr um einen richtigen Umgang mit ihrer Mutter bemüht, jedoch oft an ihre Grenzen stößt. Den Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die stilistische Verwendung von Wiederholungen und Missverständnissen fand ich hingegen etwas verwirrend. 

Insgesamt ist das Hörbuch sehr empfehlenswert, da man eine neue Sicht und damit auch ein neues Verständnis für die Krankheit Demenz gewinnt.  

Hier geht's zum Hörbuch

Vergiss mein nicht

2012, Dokumentarfilm, 1h32 min

In seinem Dokumentarfilm “Vergiss mein nicht” erzählt David Sieveking die Geschichte von seiner Mutter Gretel, die an Alzheimer erkrankt ist, ihrem Mann Malte und ihren Kindern. Er begleitet ihren Alltag, der immer mehr von der Krankheit gekennzeichnet ist. Als Malte in den Urlaub in die Schweiz fährt, kümmert sich David das erste Mal um die Pflege der Mutter und kommt dabei an seine Grenzen. Im weiteren Verlauf wird die Entwicklung der Demenz gezeigt sowie der Versuch der Familie, damit umzugehen. Sowohl ihre Kinder als auch ihr Mann versuchen Gretel so gut wie möglich zu unterstützen und ihr durch verschiedene Unternehmungen Glücksmomente zu schenken. 

Ich war sehr beeindruckt von dem Film, da er private und unverfälschte Einblicke in das Familienleben zulässt. Dabei wird sowohl die Perspektive der Kinder als auch des Vaters beleuchtet. Zudem hat mir gefallen, dass die Familie verschiedene Arten der Pflege ausprobiert - und auch offen zugibt, überfordert zu sein.  Die Protagonistin Gretel ist eine sehr starke und beeindruckende Frau. Durch die berührenden Rückblicke baut man auf der einen Seite eine richtige Beziehung zu ihr auf. Auf der anderen Seite zeigen Rückblenden, wie die Krankheit Demenz einen Menschen verändert. Besonders die neue Dynamik zwischen ihr und ihrem Ehemann ist dabei sehr interessant zu verfolgen. Die Liebe der Familie für Gretel ist zu jedem Zeitpunkt spürbar. 

Ich habe jetzt eine Woche auf meine Mutter aufgepasst und bin total fertig. Ich weiß nicht, wie mein Vater das all die Jahre gemacht hat.

David Sieveking, 2012

Jedoch habe ich mich öfter gefragt, ob die Protagonistin der Veröffentlichung solch privaten Filmmaterials zugestimmt hätte. Vor allem die Szene, wie sie mit ihrem Mann in den Zug steigt, jedoch bei ihrem Sohn in Frankfurt bleiben soll, hat mich sehr mitgenommen. Sie steht verloren in der Tür und weiß nicht wohin mit sich. Der Film zeigt, wie eine Familie durch viel Zeit und Einfühlsamkeit mit der Krankheit umgehen kann. Abschließend habe ich mich - als Angehörige eines Menschen mit Demenz - sehr verstanden gefühlt, da der Film einen authentischen Einblick in den Alltag einer demenzkranken Person bietet.

Romys Salon

2019, Drama, 1h32 min

Der Film "Romys Salon" erzählt die Geschichte der zehnjährigen Romy und ihrer Oma Stine, die im Laufe der Geschichte an Alzheimer erkrankt. Da Romys Mutter nach der Scheidung von ihrem Mann viel arbeiten muss, geht das Mädchen jeden Tag nach der Schule zu ihrer Großmutter und hilft ihr im Friseursalon.
Oma Stine wird von Tag zu Tag  immer vergesslicher. Vergisst, Dinge zu erledigen. Vergisst, wo sie Sachen abgelegt hat. Verschwindet plötzlich. Romy unterstützt ihre Oma und verheimlicht wie schlecht es ihr geht. Da sie in gewisser Weise zu ihrer Großmutter abgeschoben wurde, freut sie sich eine Aufgabe zu haben. Bis zu dem Tag, an dem ihre Oma im Nachthemd im Salon steht und Oma Stine daraufhin in ein Pflegeheim kommt. Da Romy möchte, dass es ihr wieder besser geht, fährt sie mit ihrer Großmutter alleine nach Dänemark, in deren Geburtsort.

Der Film zeigt die Krankheit Demenz aus einer erfrischend kindlichen Sicht. Die kleine Romy ist dabei sehr einfühlsam und versucht ihrer Oma tatkräftig zur Seite zu stehen. Das Mädchen geht ohne Angst und Vorurteile mit der Krankheit um. Zudem war es schön zu sehen wie positiv sich die Beziehungen zwischen den beiden  verändert. Auch die Darstellung des Krankheitsverlaufs einer Demenz ist sehr gelungen. Oma Stine will ihre Krankheit zuerst nicht wahrhaben bis es ihr schleichend immer schlechter geht. Mir hat besonders gut gefallen, dass Stine und Romy bis zum Schluss gute Momente haben in denen sie die Zeit miteinander genießen können. 

Dennoch hat mich die Dramatik des Films sehr mitgenommen. An manchen Stellen ist die Geschichte zudem etwas realitätsfern. Zum Beispiel als Romy mit ihren 10 Jahren eine Kundin fast alleine betreut oder sie mit ihrer Oma alleine bis nach Dänemark fährt. Abschließend kann ich den Film "Romys Salon" definitiv weiterempfehlen, da er das Thema Demenz aus einer ungewöhnlichen Perspektive beleuchtet und trotz der Tragik Optimismus vermittelt wird.

Oma wird nie wieder gesund werden und keiner von uns weiß, wie es mit ihr weitergeht. Aber wir alle werden dafür sorgen, dass Oma eine schöne Zeit hat. Denn zusammen schaffen wir das.

Romys Salon, 2019

Wir geben Opa nicht ins Heim! - Unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Jessica Wagener, 224 Seiten, Rohwolt Polaris

Das Buch begleitet die Autorin Jessica Wagner ein Jahr durch die Höhen und Tiefen, die sie während der Pflege ihrer Großeltern erlebt. Ihr Opi – , wie sie ihn liebevoll nennt –, ist an Demenz und Parkinson erkrankt. Anfangs unterstützt Jessica Wagner ihre Oma bei der Pflege, bis diese selbst, sowohl physisch als auch psychisch, nicht mehr in der Lage ist sich um ihren Mann zu kümmern. 
Aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes der Großmutter, sind sie gezwungen, ihren Opa im Pflegeheim anzumelden. Jessica Wagner berichtet, wie es allen Angehörigen mit dieser neuen Situation ergeht, der man doch so lange versucht hat aus dem Weg zu gehen.    

Schon auf den ersten Seiten musste ich etwas Schmunzeln, da ich viele der geschilderten Situationen schon selbst erlebt habe: zum Beispiel als Jessica Wagener beschreibt, wie ihr Großvater mit abstehenden Haaren in seiner rosakarierten Bettwäsche schläft. Daher konnte ich die Emotionen der Protagonistin in vielen Situationen sehr gut nachempfinden.
Jessica Wagener beschreibt das Leben mit ihren Großeltern erfrischend ungefiltert. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, zum Beispiel als sie gesellschaftliche Defizite in Bezug auf Demenz wie den Mangel an Pflegepersonal nennt. 
Durch das Buch habe ich mitgenommen, dass es wichtig ist, alle bestehenden Ressourcen in der Pflege zu nutzen, da "es überlebenswichtig ist, auf sich selbst aufzupassen, seine psychischen und physischen Grenzen zu kennen – auch und gerade dann, wenn andere Menschen von einem abhängig sind" (S. 222).  
Der Gedanke an ein Pflegeheim ist aus eigener Erfahrung häufig erstmal unangenehm. Jedoch sollte man es nicht nur als einen Ausweg sehen, sondern als eine Möglichkeit der Fürsorge, Entlastung und Hilfe.

All das existiert nur in seinem Kopf, für ihn es deshalb aber nicht weniger real

Ich weiß, er ist dement, aber ich will ihm Respekt und Vertrauen entgegenbringen. Auch, wenn das nicht immer leicht ist

S. 202 & S.206

Rufen Sie an.
Wir sind für
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Ein halber Held - mein Vater und das Vergessen

Andreas Wenderoth, Blessing Verlag

Inhaltsangabe des Verlags:
„Entschuldige mich bitte für meine Inhaltslosigkeit, aber ich bin nur noch ein halber Held.“ So beschreibt Horst Wenderoth seine Gedanken- und Gefühlswelt, die von einer Diagnose auf den Kopf gestellt wurde: vaskuläre Demenz. 
Es ist ein Satz, der den Sohn Andreas „in seiner klarsichtigen Poesie erschüttert“. Sein Leben lang war Horst Wenderoth ein Mann des Wortes. Seit drei Jahren aber wenden sich die Wörter von ihm ab und gegen ihn, sagen nicht mehr, was er denkt.

 

Bleib bei mir, denn es will Abend werden - Die Geschichte einer langen Liebe

Paula Schneider, 336 Seiten, Rohwolt Polaris Verlag, 

Ida und Ole sind ein Paar: seit fast 50 Jahren. Alt fühlen sie sich nicht. Auch einen Umzug wagen sie. Doch etwas schleicht sich ein ins Glück, etwas Abgründiges, Fremdes. Ida verstören Rufe, die manchmal zu ihr dringen - von Gegenüber wohl, aus einem Seniorenheim, einem Feierabendheim? Oder bringt etwas anderes sie so durcheinander? Lange ist weder Ole noch der großen Familie klar, was mit Ida geschieht. Bis sie vollends Richtung Abend fällt. Wie stark kann Liebe bleiben, wenn für den einen noch Tag herrscht, wo über den anderen schon Dämmerung und Demenz hereinbrechen?