Riccarda liest
Riccarda hört
Riccarda schaut

Liebe Leser

Mein Name ist Riccarda, ich bin Psychologiestudentin und verfasse Rezensionen für Desideria Care. Diese ehrenamtliche Arbeit macht mir nicht nur viel Spaß, sondern ist mir auch ein persönliches Anliegen. Ich bin in Bad Tölz aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach meinem Abschluss im Jahr 2017 zog es mich in die Welt, ich arbeitete als Au-Pair in Frankreich, Italien und in den USA. Ein Jahr später begann ich ein Studium im Fach Tourismusmanagement in Heilbronn. Zu dieser Zeit begegnete mir die Erkrankung Demenz das erste Mal. Die Demenz-Diagnose meines Großvaters war ein großer Schock für meine Familie. Nun sind zwei Jahre vergangen, ich habe das Studium gewechselt zu Psychologie und meine Oma pflegt meinen erkrankten Großvater bis heute selbstständig. Man merkt, wie sie jeden Tag mehr an ihre Grenzen kommt.

Da ich aufgrund der räumlichen Distanz nicht physisch für sie da sein kann, bietet mir meine ehrenamtliche Arbeit bei Desidera Care die Möglichkeit meine Oma besser psychisch unterstützen zu können.
Seit ich mich mit dem Thema Demenz näher beschäftige, merke ich, wie viele meiner Freunde schon selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben. Daher freue ich mich, mit meinen Rezensionen einen kleinen Teil zur Aufklärung der Krankheit beitragen zu dürfen und vielleicht den Ein oder Anderen zum Lesen inspirieren kann.

Meine neueste Empfehlung

Lebe zweimal, liebe einmal

Das Drama “Lebe zweimal, liebe einmal” ist eine Eigenproduktion des Streaminganbieters Netflix. Der Film erzählt die Geschichte des brillanten Mathematik-Professors Emilio, der an Alzheimer erkrankt. Der Professor versinkt immer mehr in seiner Welt - bis er eines Tages auf die Idee kommt, seine Jugendliebe Margaretha zu suchen. Zusammen mit seiner pubertierenden Enkelin Blanca begibt er sich auf die Suche. Jedoch kommen sie nicht weit, da die Krankheit schon weiter vorangeschritten ist als gedacht. Doch hält Emilio daran fest, seine große Liebe noch mal sehen zu wollen, bevor er sie vielleicht für immer vergisst.  

Die Tragikomödie hat sowohl Höhen als auch Tiefen. An manchen Stellen ist die Geschichte etwas unrealistisch und etwas zu kitschig. Zudem fehlte mir manchmal die nötige Ernsthaftigkeit, die das Thema Demenz mit sich bringen sollte.  

Trotzdem haben mich vereinzelte Stellen sehr berührt: zum Beispiel als Emilio seine Tochter Julia im Altenheim das erste Mal in den Arm nimmt oder ihre Verzweiflung als sie bemerkt, wie ihr Vater ihr entgleitet. Besonders gefallen hat mir die Opa-Enkelin-Beziehung zwischen Emilio und Blanca. Ihnen bietet die Erkrankung erstmal eine Chance, näher zusammen zu finden und eine Brücke zwischen den verschiedenen Generationen zu bauen.  

Insgesamt gibt der Film einen guten Einblick in die Krankheit Demenz und bietet zudem Momente zum Lachen, Familiendrama sowie eine wunderschöne Kulisse. Ich denke, dass vor allem jüngeren Menschen der Film sehr gefallen wird und ihnen einen Zugang zu der Krankheit schafft.  

Und morgen treffen wir uns gestern

Dr. med. Carsten Lekutat, 180 Seiten, Becker Joest Volk Verlag

In dem Buch "Und morgen treffen wir uns gestern" erzählt Dr. Carsten Lekutat die Geschichte des Jazz-Musikers Fisch, der im Alter von 54 Jahren an Early-Onset Alzheimer erkrankt. Aufgrund seiner Diagnose empfiehlt ihm sein Arzt eine Psychotherapie, um sein Schicksal besser annehmen zu können. Durch die Behandlung trifft er auf die junge Medizinstudentin Anna und ihren Professor Norbert Luck. Anlässlich des Wunsches von Fisch noch einmal seine große Liebe Sophie zu sehen, begleitet ihn Anna nach Rom. Nach einigen Vorfällen wird der Studentin und ihrem Professor bewusst, dass Fisch schon viel mehr in seiner eigenen Realität lebt als sie angenommen haben.

Schon ab den ersten Seiten hat mich das Buch begeistert. Durch die wechselnden Perspektiven kann man sich sowohl in den Erkrankten Fisch als auch in die Studentin Anna sehr gut hineinversetzen. Dabei wird mit Humor aber auch mit der nötigen Dramatik, der Krankheitsverlauf einer Demenz geschildert. Besonders gefallen hat mir die wissenschaftliche Einordnung am Ende des Buches. Dem Autor war bewusst, dass er mit einem positiven Buch zum Thema Demenz auf viel Unverständnis treffen wird. Gewiss wird die Krankheit an manchen Stellen beschönigt, dennoch bietet das Buch einen neuen, wertvollen Blickwinkel: Der Gedanke "take care of the caregivers" sollte bei der Behandlung einer Demenz auch in Deutschland eine größere Rolle spielen.

 Sie behandelte die Seele anderer mit der Kraft ihrer eigenen Seele. Sie hatte kein Skalpell zur Verfügung, sondern nur Worte. 

Und morgen treffen wir uns gestern, 2017

Elizabeth wird vermisst

2014, Hörbuch, 7h20 min

Das Hörbuch „Elizabeth wird vermisst“ erzählt die Geschichte von Maud,  die über 80 Jahre alt ist und an Alzheimer Demenz erkrankt ist. Indem sie ihre eigenen Gedanken schildert, erzählt die Protagonistin von ihrem Alltag, in welchem Vergangenheit und Gegenwart immer mehr miteinander verschmelzen.

Die Geschichte wechselt dabei immer wieder zwischen Rückblicken in ihre Jugend und ihrem jetzigen Ich. Die Rückblenden beschreiben das Verschwinden von Mauds älteren Schwester Sukey nach Kriegsende. In der Gegenwart ersetzen zunehmend Zettel ihr Gedächtnis. Als Maud einen dieser Zettel mit  der Aufschrift "Elizabeth wird vermisst" findet,  sucht sie jeden Tag ihre langjährige Freundin Elizabeth. Dabei, stößt sie jedoch auf wenig Verständnis und Hilfe bei ihrer Familie. Im Laufe des Buches werden die Zusammenhänge zwischen dem Verschwinden ihrer Schwester und ihrer verzweifelten Suche nach Elizabeth aufgezeigt.

Ich habe das Gefühl, als würde ich mich von innen heraus auflösen.

Elizabeth wird vermisst, 2014

Durch die persönliche Perspektive von Maud wird die Geschichte sehr bildhaft beschrieben. Daher konnte ich mich sehr gut in ihre Angst, Hilflosigkeit und Verwirrtheit hineinfühlen und ein besseres Verständnis für die Krankheit entwickeln. Auch die Darstellung der Beziehung zu ihrer Tochter Helen fand ich sehr passend. Man merkt, dass sich Helen sehr um einen richtigen Umgang mit ihrer Mutter bemüht, jedoch oft an ihre Grenzen stößt. Den Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die stilistische Verwendung von Wiederholungen und Missverständnissen fand ich hingegen etwas verwirrend. 

Insgesamt ist das Hörbuch sehr empfehlenswert, da man eine neue Sicht und damit auch ein neues Verständnis für die Krankheit Demenz gewinnt.  

Hier geht's zum Hörbuch

Vergiss mein nicht

2012, Dokumentarfilm, 1h32 min

In seinem Dokumentarfilm “Vergiss mein nicht” erzählt David Sieveking die Geschichte von seiner Mutter Gretel, die an Alzheimer erkrankt ist, ihrem Mann Malte und ihren Kindern. Er begleitet ihren Alltag, der immer mehr von der Krankheit gekennzeichnet ist. Als Malte in den Urlaub in die Schweiz fährt, kümmert sich David das erste Mal um die Pflege der Mutter und kommt dabei an seine Grenzen. Im weiteren Verlauf wird die Entwicklung der Demenz gezeigt sowie der Versuch der Familie, damit umzugehen. Sowohl ihre Kinder als auch ihr Mann versuchen Gretel so gut wie möglich zu unterstützen und ihr durch verschiedene Unternehmungen Glücksmomente zu schenken. 

Ich war sehr beeindruckt von dem Film, da er private und unverfälschte Einblicke in das Familienleben zulässt. Dabei wird sowohl die Perspektive der Kinder als auch des Vaters beleuchtet. Zudem hat mir gefallen, dass die Familie verschiedene Arten der Pflege ausprobiert - und auch offen zugibt, überfordert zu sein.  Die Protagonistin Gretel ist eine sehr starke und beeindruckende Frau. Durch die berührenden Rückblicke baut man auf der einen Seite eine richtige Beziehung zu ihr auf. Auf der anderen Seite zeigen Rückblenden, wie die Krankheit Demenz einen Menschen verändert. Besonders die neue Dynamik zwischen ihr und ihrem Ehemann ist dabei sehr interessant zu verfolgen. Die Liebe der Familie für Gretel ist zu jedem Zeitpunkt spürbar. 

Ich habe jetzt eine Woche auf meine Mutter aufgepasst und bin total fertig. Ich weiß nicht, wie mein Vater das all die Jahre gemacht hat.

David Sieveking, 2012

Jedoch habe ich mich öfter gefragt, ob die Protagonistin der Veröffentlichung solch privaten Filmmaterials zugestimmt hätte. Vor allem die Szene, wie sie mit ihrem Mann in den Zug steigt, jedoch bei ihrem Sohn in Frankfurt bleiben soll, hat mich sehr mitgenommen. Sie steht verloren in der Tür und weiß nicht wohin mit sich. Der Film zeigt, wie eine Familie durch viel Zeit und Einfühlsamkeit mit der Krankheit umgehen kann. Abschließend habe ich mich - als Angehörige eines Menschen mit Demenz - sehr verstanden gefühlt, da der Film einen authentischen Einblick in den Alltag einer demenzkranken Person bietet.

Romys Salon

2019, Drama, 1h32 min

Der Film "Romys Salon" erzählt die Geschichte der zehnjährigen Romy und ihrer Oma Stine, die im Laufe der Geschichte an Alzheimer erkrankt. Da Romys Mutter nach der Scheidung von ihrem Mann viel arbeiten muss, geht das Mädchen jeden Tag nach der Schule zu ihrer Großmutter und hilft ihr im Friseursalon.
Oma Stine wird von Tag zu Tag  immer vergesslicher. Vergisst, Dinge zu erledigen. Vergisst, wo sie Sachen abgelegt hat. Verschwindet plötzlich. Romy unterstützt ihre Oma und verheimlicht wie schlecht es ihr geht. Da sie in gewisser Weise zu ihrer Großmutter abgeschoben wurde, freut sie sich eine Aufgabe zu haben. Bis zu dem Tag, an dem ihre Oma im Nachthemd im Salon steht und Oma Stine daraufhin in ein Pflegeheim kommt. Da Romy möchte, dass es ihr wieder besser geht, fährt sie mit ihrer Großmutter alleine nach Dänemark, in deren Geburtsort.

Der Film zeigt die Krankheit Demenz aus einer erfrischend kindlichen Sicht. Die kleine Romy ist dabei sehr einfühlsam und versucht ihrer Oma tatkräftig zur Seite zu stehen. Das Mädchen geht ohne Angst und Vorurteile mit der Krankheit um. Zudem war es schön zu sehen wie positiv sich die Beziehungen zwischen den beiden  verändert. Auch die Darstellung des Krankheitsverlaufs einer Demenz ist sehr gelungen. Oma Stine will ihre Krankheit zuerst nicht wahrhaben bis es ihr schleichend immer schlechter geht. Mir hat besonders gut gefallen, dass Stine und Romy bis zum Schluss gute Momente haben in denen sie die Zeit miteinander genießen können. 

Dennoch hat mich die Dramatik des Films sehr mitgenommen. An manchen Stellen ist die Geschichte zudem etwas realitätsfern. Zum Beispiel als Romy mit ihren 10 Jahren eine Kundin fast alleine betreut oder sie mit ihrer Oma alleine bis nach Dänemark fährt. Abschließend kann ich den Film "Romys Salon" definitiv weiterempfehlen, da er das Thema Demenz aus einer ungewöhnlichen Perspektive beleuchtet und trotz der Tragik Optimismus vermittelt wird.

Oma wird nie wieder gesund werden und keiner von uns weiß, wie es mit ihr weitergeht. Aber wir alle werden dafür sorgen, dass Oma eine schöne Zeit hat. Denn zusammen schaffen wir das.

Romys Salon, 2019

Wir geben Opa nicht ins Heim! - Unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Jessica Wagener, 224 Seiten, Rohwolt Polaris

Das Buch begleitet die Autorin Jessica Wagner ein Jahr durch die Höhen und Tiefen, die sie während der Pflege ihrer Großeltern erlebt. Ihr Opi – , wie sie ihn liebevoll nennt –, ist an Demenz und Parkinson erkrankt. Anfangs unterstützt Jessica Wagner ihre Oma bei der Pflege, bis diese selbst, sowohl physisch als auch psychisch, nicht mehr in der Lage ist sich um ihren Mann zu kümmern. 
Aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes der Großmutter, sind sie gezwungen, ihren Opa im Pflegeheim anzumelden. Jessica Wagner berichtet, wie es allen Angehörigen mit dieser neuen Situation ergeht, der man doch so lange versucht hat aus dem Weg zu gehen.    

Schon auf den ersten Seiten musste ich etwas Schmunzeln, da ich viele der geschilderten Situationen schon selbst erlebt habe: zum Beispiel als Jessica Wagener beschreibt, wie ihr Großvater mit abstehenden Haaren in seiner rosakarierten Bettwäsche schläft. Daher konnte ich die Emotionen der Protagonistin in vielen Situationen sehr gut nachempfinden.
Jessica Wagener beschreibt das Leben mit ihren Großeltern erfrischend ungefiltert. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, zum Beispiel als sie gesellschaftliche Defizite in Bezug auf Demenz wie den Mangel an Pflegepersonal nennt. 
Durch das Buch habe ich mitgenommen, dass es wichtig ist, alle bestehenden Ressourcen in der Pflege zu nutzen, da "es überlebenswichtig ist, auf sich selbst aufzupassen, seine psychischen und physischen Grenzen zu kennen – auch und gerade dann, wenn andere Menschen von einem abhängig sind" (S. 222).  
Der Gedanke an ein Pflegeheim ist aus eigener Erfahrung häufig erstmal unangenehm. Jedoch sollte man es nicht nur als einen Ausweg sehen, sondern als eine Möglichkeit der Fürsorge, Entlastung und Hilfe.

All das existiert nur in seinem Kopf, für ihn es deshalb aber nicht weniger real

Ich weiß, er ist dement, aber ich will ihm Respekt und Vertrauen entgegenbringen. Auch, wenn das nicht immer leicht ist

S. 202 & S.206

Rufen Sie an.
Wir sind für
Sie da!

Ein halber Held - mein Vater und das Vergessen

Andreas Wenderoth, Blessing Verlag

Inhaltsangabe des Verlags:
„Entschuldige mich bitte für meine Inhaltslosigkeit, aber ich bin nur noch ein halber Held.“ So beschreibt Horst Wenderoth seine Gedanken- und Gefühlswelt, die von einer Diagnose auf den Kopf gestellt wurde: vaskuläre Demenz. 
Es ist ein Satz, der den Sohn Andreas „in seiner klarsichtigen Poesie erschüttert“. Sein Leben lang war Horst Wenderoth ein Mann des Wortes. Seit drei Jahren aber wenden sich die Wörter von ihm ab und gegen ihn, sagen nicht mehr, was er denkt.

Bleib bei mir, denn es will Abend werden - Die Geschichte einer langen Liebe

Paula Schneider, 336 Seiten, Rohwolt Polaris Verlag, 

Ida und Ole sind ein Paar: seit fast 50 Jahren. Alt fühlen sie sich nicht. Auch einen Umzug wagen sie. Doch etwas schleicht sich ein ins Glück, etwas Abgründiges, Fremdes. Ida verstören Rufe, die manchmal zu ihr dringen - von Gegenüber wohl, aus einem Seniorenheim, einem Feierabendheim? Oder bringt etwas anderes sie so durcheinander? Lange ist weder Ole noch der großen Familie klar, was mit Ida geschieht. Bis sie vollends Richtung Abend fällt. Wie stark kann Liebe bleiben, wenn für den einen noch Tag herrscht, wo über den anderen schon Dämmerung und Demenz hereinbrechen?