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Distant Care

"Ich kann meiner Mutter wirklich nur dann nah sein, wenn ich bei ihr bin"

Die Journalistin und Bloggerin Peggy Elfmann pflegt ihre an einer Alzheimer-Demenz erkrankte Mutter aus der Ferne. 400 Kilometer – rund vier Stunden Fahrzeit – liegen zwischen München, wo Peggy mit ihren drei Töchtern lebt, und ihrem Heimatort, wo ihre Eltern wohnen.

Wie erlebst Du die Pflege aus der Ferne? 

Ich erlebe es als Kompromiss und fühle mich häufig zerrissen. Ich habe oft ein schlechtes Gefühl, denn ich wäre gerne häufiger bei meinen Eltern, um für Mama da zu sein und meinen Papa mit der Pflege zu unterstützen. Bei manchen Dingen kann ich meinen Eltern aus der Ferne helfen, aber es sind oft nur organisatorische Dinge oder Recherche zu Hilfsmitteln. Pflegerische Aufgaben lassen sich auf die Distanz ja nicht ausüben. Und auch bei dem ganzen Organisationskram wäre es oft einfacher, ich würde nicht so weit weg wohnen, sondern könnte einfach bei der Tagespflege oder dem Sanitätshaus vorbeifahren. 

Aus der Ferne bekommt man nicht so gut mit, wie die tatsächliche Pflegesituation zu Hause ist. Mein Papa und ich telefonieren zwar regelmäßig und er erzählt, wie es so läuft, aber von manchen Problemen erfahre ich erst vor Ort. Außerdem fehlt mir meine Mama einfach. Sie spricht kaum noch, telefonieren funktioniert schon lange nicht mehr. Ich kann ihr wirklich nur dann nah sein, wenn ich bei ihr bin. 

Eine Herausforderung ist es, dass ich, wenn ich bei meinen Eltern bin, dann ganz schnell ganz viel erledigen und so möglichst viel helfen möchte. Das birgt aber die Gefahr, dass das Wichtigste untergeht: einfach schöne Momente miteinander zu verbringen. Ich genieße es sehr, wenn ich mir einfach die Zeit nehme, um neben meiner Mama zu sitzen. Ich bin dann vielleicht nicht so produktiv, aber ich merke, dass es ihr guttut und ich spüre jedes Mal, wenn ich komme, wie sehr sie sich freut, mich zu sehen. Wieder zu fahren, fällt mir oft schwer. 

Wo bist Du an Deine Grenze gekommen? 

Immer wieder komme ich an meine Grenzen. Besonders schwierig fand ich den ersten Lockdown. Damals war ich lange nicht bei meinen Eltern, weil ich Angst hatte, dass ich mich unterwegs mit Corona infizieren und meine Eltern anstecken könnte. Gleichzeitig wusste ich, wie anstrengend die Situation für meinen Papa geworden war. Die Tagespflege hatte geschlossen, auch sonstige Unterstützer im Netzwerk um meine Mama hatten sich zurückgezogen. Mein Papa erzählte am Telefon, wie einsam es sei und wie herausfordernd. Da habe ich mich in der Ferne sehr hilflos gefühlt.  

Was hast Du für Dich mitgenommen?  

Ich finde es wichtig, dass man ein Netzwerk rund um den Menschen mit Demenz aufbaut und sich mit all den Unterstützern regelmäßig austauscht. Gut ist auch, wenn diese Teilnehmer untereinander Kontakt zueinander haben, also zum Beispiel auch Arzt oder Ärztin mit dem Pflegedienst in Kontakt treten oder der Pflegedienst von der Tagespflege weiß. Mich entlastet es zu wissen, dass meine Eltern in ihrer Nachbarschaft gut aufgehoben sind und sich bei akuten Problemen dort hinwenden können. Was wir verpasst haben und was ich definitiv anders machen würde, wenn wir eine zweite Chance hätten: Ich würde mich mit meiner Mama darüber austauschen, welche Wünsche in punkto Pflege sie hätte und ob und unter welchen Umständen sie sich ein Pflegeheim vorstellen könnte. Gerade, wenn man sich nicht so oft sieht, ist es noch schwerer darüber zu sprechen und Lösungen zu finden.   

Siehst Du auch positive Aspekte an Distant Care? 

Dadurch, dass ich immer wieder aus der Situation herauskomme, habe ich viel Gelegenheit zum Reflektieren und mich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen. Ich kann nochmal Dinge nachlesen und mich mit der Alzheimererkrankung beschäftigen. Das ermöglicht es mir, mit frischem Elan an bestimmte Herausforderungen zu gehen oder einfach geduldiger zu sein. Und natürlich kann ich in der Ferne viel besser meine Akkus aufladen, als wenn ich permanent in der Pflege-Situation stecken würde. 

„Peggy schreibt auf ihrem Blog www.alzheimerundwir.com über ihre Erfahrungen und hat ein Buch dazu herausgebracht („Mamas Alzheimer und wir“. Mabuse-Verlag).“